
Viele Menschen machen tiefgehende spirituelle Erfahrungen. Momente, in denen klar wird, dass alles Bewusstsein ist, dass es nichts zu erreichen gibt und dass das, was man sucht, immer schon da war. Und doch taucht nach solchen Erfahrungen häufig etwas Unerwartetes auf: eine subtile Unstimmigkeit. Ein leises Gefühl, dass „irgendetwas noch nicht ganz stimmt“. Das kann verwirrend sein, gerade weil der Verstand sagt: Ich weiß doch eigentlich, worum es geht.
Diese Unstimmigkeit bedeutet nicht, dass etwas falsch gelaufen ist. Sie ist kein Zeichen von Scheitern, sondern oft ein Hinweis darauf, dass Erwachen nicht nur erkannt, sondern noch nicht vollständig verkörpert wurde. Wahres Ankommen zeigt sich nicht an einer besonderen Erfahrung, sondern daran, dass die innere Suche aufhört. Wenn diese Suche noch brennt, wenn da noch eine Sehnsucht nach endgültigem Frieden ist, dann ist dieser Punkt des vollständigen Stillwerdens noch nicht erreicht.
Erwachen ist nicht das Ansammeln von Einsichten. Es ist kein Wissen des Kopfes, sondern ein Erkennen aus der Ganzheit heraus. Wenn dieses Erkennen wirklich geschehen ist, bleibt keine existenzielle Frage offen. Frieden stellt sich ein – nicht als Zustand, sondern als Selbstverständlichkeit. Interesse am Leben, an Themen oder an Forschung kann weiterhin da sein, aber die drängende innere Bewegung, die sagt „ich muss noch irgendwo ankommen“, fällt weg.
Bleibt diese Bewegung bestehen, kann das unterschiedliche Gründe haben. Manchmal hat das Ego eine spirituelle Erfahrung „geschnappt“ und daraus eine neue Identität gemacht. Dann glaubt man, angekommen zu sein, spürt aber gleichzeitig eine Leere oder Unstimmigkeit. Das Erwachen wurde dann nicht integriert, sondern interpretiert. In anderen Fällen ist es kein Ego-Spiel, sondern ein tiefer liegender innerer Knoten, der sich zeigen möchte.
Diese Knoten sind oft sehr subtil. Sie machen im Alltag nicht unbedingt Sinn, tauchen nicht als klare Gedanken auf und stehen selten im Vordergrund. Und doch wirken sie unterschwellig. Gerade nach einer Erwachenserfahrung, wenn viele Schleier bereits gefallen sind, werden solche inneren Spannungen spürbar. Erwachen zieht nichts „nach oben“, was nicht bereit ist, gesehen zu werden.
Manche dieser Knoten lösen sich von selbst, im Maße dessen, was gehalten und integriert werden kann. Andere jedoch gehören zu den sogenannten Überlebensknoten. Sie sind tief eingebettet in das psychische und emotionale Fundament des Menschen. So grundlegend, dass sie normalerweise nicht infrage gestellt werden – so wie ein Fisch das Wasser nicht infrage stellt oder wir die Luft nicht. Erst wenn etwas daran rührt, wird ihre Existenz überhaupt bewusst.
Nach dem Erwachen kann genau das geschehen. Die gewohnte Identifikation löst sich, und plötzlich taucht etwas auf, mit dem man nichts anfangen kann: ein Gefühl, eine Enge, eine diffuse Angst oder ein Unbehagen ohne klare Geschichte. Das ist kein Rückschritt, sondern ein Zeichen von Offenheit. Diese Knoten waren vorher tragend – jetzt dürfen sie gesehen werden.
In solchen Momenten hilft es nicht, sich erneut in Konzepte zurückzuziehen oder das Gefühl wegzudrücken. Im Gegenteil. Es braucht die Bereitschaft, noch einmal bewusst in die Dualität zu gehen. Nicht um sich darin zu verlieren, sondern um dem, was sich zeigt, Raum zu geben. Aufmerksamkeit, die ein paar Minuten wirklich bei einem unangenehmen Gefühl bleibt, ohne es zu bewerten oder verändern zu wollen, kann erstaunlich viel öffnen.
Gleichzeitig ist es wichtig, ehrlich zu prüfen: Was ist von meiner ursprünglichen Erwachenserfahrung geblieben? Wie erlebe ich mich selbst? Wie erlebe ich die Welt? Ist da noch ein Empfinden von Weite, von Unendlichkeit, von Verbundenheit? Oder ist alles davon überdeckt? Wenn noch etwas davon da ist, dann ist klar: Es wurde nicht verloren, sondern nur überlagert. Und was überlagert ist, kann auch wieder freigelegt werden.
Manchmal scheint es so, als sei das Erwachen „eingeschlafen“. Doch auch das ist kein Fehler. Bewusstsein geht nicht verloren, es wird höchstens zeitweise verdeckt. Häufig hängen diese Verdeckungen mit abgespaltenen Selbstanteilen zusammen – Anteilen, die sagen: „Du gehst ins Erwachen? Ich will mit.“ Diese Anteile können aus der eigenen Biografie stammen, transgenerational weitergegeben sein oder sehr alte Prägungen tragen. Sie wollen nicht weggemacht werden, sondern integriert.
Der Weg nach dem Erwachen verlangt deshalb oft mehr Ehrlichkeit als der Weg davor. Weniger Ideale, weniger spirituelle Bilder – und mehr echtes Hinspüren. Nicht kritisch mit sich selbst zu sein ist dabei essenziell. Alles, was auftaucht, hat einen guten Grund. Sich darum zu kümmern heißt nicht, dass man „noch nicht weit genug“ ist, sondern dass man bereit ist, das Ganze zu leben.
Am Ende entsteht durch das Lösen dieser Knoten ein weiter, freier Raum. Stille wird nicht mehr gesucht, sie ist einfach da. Und das Leben kann sich aus dieser Stille heraus entfalten – ganz gewöhnlich und zugleich zutiefst wahr.
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